Diagnose Krebs

Wo Früherkennung hilft – und wann sie schaden kann





Krebs ist eine Volkskrankheit – und so gefürchtet wie kaum eine andere Diagnose. Fast jede*n Zweite*n trifft sie im Laufe des Lebens, im Mittel mit um die 70.

Je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen, heißt es oft. Doch stimmt das überhaupt?

Das stimmt oft, aber nicht immer. Es hängt vom Tumor ab und von welcher Krebserkrankung wir reden.
Dr. Ursula Will, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Früherkennung ist nicht immer gut, sie kann auch Nachteile haben.
Dr. Klaus Koch, Leiter der Gesundheitsinformationen beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

Die häufigsten Krebsarten bei Frauen

Die häufigsten Krebsarten bei Männern

Anteil an allen Krebsneuerkrankungen in Deutschland 2018

Die häufigsten Krebsarten bei Frauen

Anteil an allen Krebsneuerkrankungen in Deutschland 2018

Die häufigsten Krebsarten bei Männern

Anteil an allen Krebsneuerkrankungen in Deutschland 2018

Es gibt Dutzende Krebsarten. Nur ein kleiner Teil davon kann durch Untersuchungen früh erkannt oder sogar verhindert werden.

Dieses Krebs-Screening zahlt die Krankenkasse:

Im besten Fall lautet das Screening-Ergebnis: „alles unauffällig“. Das sorgt bei vielen für Erleichterung.

Doch falls es problematische Gewebeveränderungen gibt, ist es optimal, sie zu finden, bevor daraus Krebs wird. Das ist nur bei Gebärmutterhals- und Darmkrebs möglich. Werden zum Beispiel bei einer Darmspiegelung Polypen entdeckt, können sie direkt entfernt werden – Erkrankungs- und Sterberisiko sinken.

Es gibt Dutzende Krebsarten. Nur ein kleiner Teil davon kann durch Untersuchungen früh erkannt oder sogar verhindert werden.

Dieses Krebs-Screening zahlt die Krankenkasse:

Im besten Fall lautet das Screening-Ergebnis: „alles unauffällig“. Das sorgt bei vielen für Erleichterung.

Doch falls es problematische Gewebeveränderungen gibt, ist es optimal, sie zu finden, bevor daraus Krebs wird. Das ist nur bei Gebärmutterhals- und Darmkrebs möglich. Werden zum Beispiel bei einer Darmspiegelung Polypen entdeckt, können sie direkt entfernt werden – Erkrankungs- und Sterberisiko sinken.

Wann Früherkennung hilft

Von 1.000 Männern im Alter von 50, die keine Darmspiegelung machen lassen, bekommen sieben in den nächsten zehn Jahren Darmkrebs. Zwei sterben daran.

Die Darmspiegelung führt in zwei von 1.000 Fällen zu Komplikationen, z.B. Blutungen. Aber durch sie erkranken ein bis fünf Männer weniger an Darmkrebs. Ein Leben wird gerettet.

Allerdings können viele Krebsarten durch Vorsorgeuntersuchungen nicht verhindert werden. Hier bleibt nur, Tumore möglichst früh zu erkennen, um sie gut behandeln zu können – zum Beispiel beim Brustkrebs.

Deshalb wird Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre eine Mammografie angeboten.

Von 1.000 Frauen, die nicht am Mammografie-Programm teilnehmen, sterben 19 an Brustkrebs.

Gehen die 1.000 Frauen dagegen regelmäßig zur Mammografie, sterben zwei bis sechs weniger an Brustkrebs.

Warum Früherkennung schaden kann

Das Screening birgt auch Risiken – bei manchen Krebsarten mehr, bei anderen weniger. Besonders problematisch sind die Überdiagnosen:

Es wird ein Tumor gefunden, der bösartig aussieht, aber ohne die Untersuchung nie aufgefallen wäre – der klein geblieben wäre oder sich vielleicht zurückgebildet hätte. Dann kommt die Kaskade der Behandlungen mit Nebenwirkungen und Ängsten in Gang. Das ist der schwerwiegendste Nachteil der Krebsfrüherkennung. Er tritt vor allem bei Brust- und Prostatakrebs auf.
Klaus Koch, IQWiG

Von 1.000 Frauen, die nicht am Mammografie-Programm teilnehmen, erhalten 47 bis 50 die Diagnose Brustkrebs.

Gehen die Frauen regelmäßig zur Mammografie, erhalten neun bis zwölf von 1.000 die Überdiagnose Brustkrebs.

Ein weiteres Problem der Krebs-Früherkennung: Das Ergebnis der Untersuchung kann falsch sein – auf zwei Arten:

Wenn bei 1.000 Frauen eine Mammografie gemacht wird, bekommen 30 ein auffälliges Ergebnis. Sie werden zu weiteren Untersuchungen eingeladen.

Dabei stellt sich heraus: Es gab 24 Fehlalarme – nur 6 Frauen haben wirklich Brustkrebs.

Bei der Untersuchung fällt etwas auf, aber es ist nicht klar, ob es wirklich ein bösartiger Tumor ist. Dann muss man erstmal die Angst aushalten und weitere Untersuchungen über sich ergehen lassen. Die Mehrzahl der positiven Befunde aus Früherkennungs­untersuchungen ist falsch positiv.
Klaus Koch, IQWiG

Umgekehrt kann es auch sein, dass die Ergebnisse falsch negativ sind – die Untersuchung also einen Tumor nicht erkennt.

Bei zwei von 1.000 Frauen wird weniger als zwei Jahre nach der Mammografie Brustkrebs entdeckt – der entweder nach der Untersuchung entstanden ist oder übersehen wurde.

Die Tests sind nicht 100 Prozent treffsicher. Wenn der Krebs nicht erkannt wird, hat sich der Aufwand für die Patient*innen nicht gelohnt. Und sie wiegen sich vielleicht sogar in falscher Sicherheit und nehmen Beschwerden nicht ernst.
Klaus Koch, IQWiG

Manchmal steigen die Überlebenschancen nicht dadurch, dass der Tumor früher entdeckt wird.

Die Betroffenen müssen dann mit dem Wissen leben, Krebs zu haben. Sie leben aber nicht automatisch länger. Da wäre es den meisten vielleicht lieber, sie hätten die Diagnose nicht gewusst.
Ursula Will, DKFZ

Manchmal steigen die Überlebenschancen nicht dadurch, dass der Tumor früher entdeckt wird.

Die Betroffenen müssen dann mit dem Wissen leben, Krebs zu haben. Sie leben aber nicht automatisch länger. Da wäre es den meisten vielleicht lieber, sie hätten die Diagnose nicht gewusst.
Ursula Will, DKFZ

Wie sinnvoll ist das Krebs-Screening dann überhaupt? Viele Experten*innen beurteilen das Angebot der Krankenkassen eher positiv.

Die sind auf jeden Fall sinnvoll, aber man muss genau hingucken. Man sollte sie als Angebot sehen. Es wird keiner gezwungen, die gesetzlich empfohlenen Früherkennungen in Anspruch zu nehmen.“
Ursula Will, DKFZ

Für Brust-, Darm-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs ist laut Gesundheitsexperte Koch nachgewiesen, dass die Heilungschancen besser sind, je früher der Tumor erkannt wird. „Bei der Hautkrebs-Früherkennung ist der Nutzen und damit auch die Bilanz von Nutzen und Schaden noch offen.“, sagt Koch.

Was bringen Selbstzahler-Leistungen?

Neben den Kassenleistungen bieten viele Ärzt*innen Screenings an, die man selbst bezahlen muss – sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Sie werden oft als sinnvoll angepriesen. Doch die Expertenorganisation Medizinischer Dienst Bund hat im IGeL-Monitor viele dieser Leistungen unter die Lupe genommen und kommt zu anderen Bewertungen.

Das Problem dieser Untersuchungen:

  • senken Krebssterblichkeit oft nicht
  • falsche Ergebnisse und Überdiagnosen möglich
  • manche Untersuchungsmethoden können schaden (z. B. CT)
Auf einen Mann, der dank PSA-Test nicht am Prostatakrebs stirbt, kommen vermutlich 30 Männer, die unnötig behandelt werden, weil der Tumor zeitlebens gar nicht aufgefallen wäre.
Ursula Will, DKFZ

Nicht nur die Krankenkassen sehen diese Selbstzahler-Leistungen kritisch - die ärztlichen Fachgesellschaften beurteilen sie ähnlich. Mit Ausnahme des PSA-Tests (ein Bluttests, der die Höhe des Prostata-spezifisches Antigens bestimmt) gibt es in deren Leitlinien bisher keine Empfehlung, sie in der breiten Bevölkerung durchzuführen.

Bei den IGeL-Leistungen in gynäkologischen, urologischen und augenärztlichen Praxen geht es oft auch ums Geld. Gerade Krebsfrüherkennungs­untersuchungen haben einen guten Ruf – und man kann sie fast jedem anbieten. Wenn vorher eine gute Aufklärung über Vor- und Nachteile stattfände, wäre das tolerierbar – aber daran habe ich meine Zweifel.
Klaus Koch, IQWiG

Expert*innen raten daher, sich bei den IGeL-Untersuchungen nicht unter Druck setzen zu lassen – die könne man später immer noch machen.

Viel wichtiger sei ohnehin etwas anderes: „Wenn ich nicht rauche, tue ich mehr für meine Gesundheit als mit allen Früherkennungs­untersuchungen“, sagt Koch. Laut Will könnten 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen durch gesundes Verhalten verhindert werden: neben nicht Rauchen zum Beispiel gesunde Ernährung, genug Bewegung, Sonnenschutz.

In jedem Alter kann man an Lebensstil-Faktoren drehen. Schädliche Einflüsse, die zu Zellveränderungen und schließlich Krebs führen können, werden gestoppt.
Dr. Ursula Will, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)

Fast jede*r zweite Krebspatient*in stirbt an der Krankheit – im Mittel mit Mitte/Ende 70. Das heißt aber auch: Mehr als die Hälfte überlebt den Krebs.

Unsere Lebenserwartung steigt. Dadurch kann Krebs als Todesursache sogar zunehmen. Gute Früherkennungs­untersuchungen können ein Stück weit davor schützen, dass ein Tumor Menschen zu früh aus dem Leben reißt. Krebs als Todesursache am Ende eines langen Lebens müssen wir aber akzeptieren.
Dr. Klaus Koch, Leiter der Gesundheitsinformationen beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

Quellen:
Interview mit Dr. Ursula Will, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ);
Interview mit Dr. Klaus Koch, Leiter der Gesundheitsinformationen beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG);
Robert-Koch-Institut: Krebs in Deutschland für 2017/2018;
Deutsche Krebsgesellschaft;
Leitlinienprogramm Onkologie;
Deutsches Krebsforschungszentrum;
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG);
Gemeinsamer Bundesausschuss;
Medizinischer Dienst Bund: IGeL-Monitor

Bilder:
3D Anatomie: www.z-anatomy.com

Autorin:
Kathrin Wolff

Redaktion:
Jennifer Werner

Im Auftrag des ZDF:

Redaktionelle Mitarbeit:
Nadine Braun

Design:
Mischa Biekehör