Kurz vor zwölf – wie sich die Welt durch Atomwaffen selbst bedroht

Heute vor 75 Jahren detoniert „Little Boy“ über der Großstadt Hiroshima. Die Kernwaffe kommt in den letzten Zügen des Zweiten Weltkrieges erstmals zum Einsatz.

Die bittere Bilanz: Bis Ende des Jahres 1945 sterben schätzungsweise 140.000 Menschen durch die Explosion und ihre Folgen.

Nur drei Tage später explodiert die Plutoniumbombe „Fat Man“ – mit noch größerer Sprengkraft – über der Stadt Nagasaki.

Hierbei sterben bis Ende des Jahres 1945 schätzungsweise 74.000 Menschen durch die Explosion und ihre Folgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg testet die Sowjetunion unter Stalin Kernwaffen nach amerikanischem Vorbild: „RDS-1“ explodiert im heutigen Kasachstan.

Die Welt bekommt atomare Gefahr anhand einer Uhr präsentiert.

Die „Doomsday Clock“ zeigt, wie hoch die Gefahr durch nukleare Waffen auf der Welt ist. Die Stunde Null bedeutet: Apokalypse.

Im Jahr 1949 zeigt die Uhr drei Minuten vor zwölf.

Die USA zünden mit „Ivy Mike“ eine Weiterentwicklung der Atombombe, die erste Wasserstoffbombe, im Eniwetok-Atoll im Pazifischen Ozean.

Die Antwort der Sowjetunion folgt einige Jahre später mit einer eigenen Wasserstoffbombe, am 30. Oktober 1961:
Die sogenannte „Zar-Bombe“ gilt als stärkste jemals von Menschen verursachte Explosion.

Wasserstoffbomben bauen auf der vorherigen Technologie auf. Sie werden mithilfe einer Atombombe gezündet, sind aber noch wesentlich zerstörerischer.

Während der Kuba-Krise (1962) steht die Welt kurz vor einem Atomkrieg – der Höhepunkt des Kalten Krieges. Deeskalierend wirkt ein Vertrag ein Jahr später.

Der „begrenzte Atomteststoppvertrag“ regelt: Keine Versuche mit Kernwaffen in der Atmosphäre, im Wasser oder unter Wasser – dazu verpflichten sich die USA, Großbritannien, die Sowjetunion und Deutschland.

Der Vietnamkrieg verhärtet den Konflikt zwischen den Weltmächten USA und der Sowjetunion mit seinem Verbündeten China.

Mehrfach wird mit dem Einsatz atomarer Waffen gedroht.

Der Atomwaffensperrvertrag tritt am 05.03.1970 in Kraft. Die Unterzeichner: die USA, die Sowjetunion, Großbritannien sowie 40 weitere Staaten.

Die Ziele: Die Verbreitung von Atomwaffen verhindern, Abrüstung vorantreiben und für mehr globale Sicherheit sorgen.

In den 1980er-Jahren zeichnet sich ein atomares Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion ab.

Die Reaktion darauf: Millionen Menschen gehen weltweit für Abrüstung auf die Straße.

Im September 1983 melden sowjetische Satelliten den Abschuss von US-amerikanischen Atomraketen mit Ziel Russland. Der russische Oberstleutnant Stanislaw Petrow stuft die Situation als Fehlalarm ein und verhindert so einen Nuklearangriff.

Die Kommunikation zwischen den Mächten verstummt, die USA setzen unter Reagan auf eine „Politik der Stärke“ und Verhandlungen über die Rüstungskontrolle werden eingestellt.

Kehrtwende: Unterzeichnung des INF-Vertrags

Es ist ein historischer Moment, als die einst verfeindeten Großmächte USA und Sowjetunion Ende der 80er Jahre den Abrüstungsvertrag INF abschließen.

Sie verpflichten sich eine Reihe von nuklearen Mittelstreckenwaffen abzuschaffen.

Der Kalte Krieg ist beendet und der Eiserne Vorhang zwischen den USA und der Sowjetunion gefallen.

George Bush (USA) und Michail Gorbatschow (Sowjetunion) unterzeichnen einen Vertrag zur Verringerung strategischer Waffen. Ende des Jahres zerfällt die Sowjetunion.

Der US-Präsident George W. Bush sagt nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 in New York dem internationalen Terrorismus den Kampf an.

In den darauffolgenden Jahren spitzt sich ein Konflikt um den Besitz von Atomwaffen zwischen den USA und dem Iran zu.

Noch immer sind zudem zehntausende nuklearer Waffen vor allem im Besitz der USA und Russland.

Nordkorea verkündet, erfolgreich einen Atomtest durchgeführt zu haben und wird dafür international verurteilt. Ein Atomkrieg zwischen den USA und Russland könnte immer noch in nur wenigen Minuten ausgelöst werden. Der Iran wird weiterhin verdächtigt, Atomwaffen kaufen zu wollen.

Klimawandel tickt mit bei Doomsday-Clock

Die Doomsday-Clock bezieht nun auch den Klimawandel als zusätzliche Bedrohung für die Menschheit mit ein.

Im Sommer 2017 verabschieden die Vereinten Nationen den sogenannten Atomwaffenverbotsvertrag. Er verbietet es allen Unterzeichnern Atomwaffen zu entwickeln, zu besitzen, zu stationieren oder zu finanzieren. Das Problem: Unter den Unterzeichnern ist keine einzige Atommacht.

Seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump schätzen die Atomwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler die Gefahr eines Atomkriegs zudem als noch größer ein.

Trump droht noch im gleichen Jahr indirekt mit einem Atomwaffeneinsatz gegen Nordkorea.

In den kommenden Jahren spitzt sich zudem ein Streit um das 1987 beschlossene Abrüstungsabkommen zwischen den USA und Russland zu. Die USA erklären 2019 ihren Rückzug aus dem INF-Vertrag.

Heute sind ca. 13.400 Atomwaffen im Besitz von folgenden Staaten: China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Israel, Nordkorea, Pakistan, Russland und den USA.

Die Uhr steht so kurz vor 12 wie noch nie zuvor, denn zwei Gefahren kommen zusammen:

Die Menschheit ist weiterhin gleichzeitig zwei existenziellen Gefahren ausgesetzt – einem Atomkrieg und dem Klimawandel. […] Die internationale Sicherheitslage ist schrecklich, nicht nur, weil diese Bedrohungen existieren, sondern weil die Staats- und Regierungschefs der Welt zugelassen haben, […] dass die internationale politische Infrastruktur zerbricht.
Herausgeberinnen und Herausgeber der „Doomsday Clock“ | 2020

Quellen:
Bulletin of the Atomic Scientists, Our World in Data, Federation of American Scientists, Bundeszentrale für politische Bildung, Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, UNODA (UN-Büro für Abrüstungsfragen), dpa, ap, kna, afp, Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen, US-Armee

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