5 Jahre „Wir schaffen das“

Ein Faktencheck

Portraitfoto von Angela Merkel.
Die Welt sieht Deutschland als ein Land der Hoffnung und der Chancen.[…] Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.
Angela Merkel, Bundeskanzlerin | 31. August 2015

Seitdem die Kanzlerin 2015 diesen mittlerweile international bekannten Satz aussprach, haben mehr als 1,4 Millionen Menschen einen Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt. Nicht allen wurde stattgegeben.

Die Grafik zeigt die Anzahl der Asylanträge seit September 2015. Im Rekordjahr 2016 suchten 722.370 Menschen in Deutschland Schutz. Im laufenden Jahr bis Juli 55.756.

Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2019 insgesamt über 1,8 Millionen Schutzsuchende in Deutschland, 2014 waren es noch knapp über 740.000.

Das Bild zeigt, dass die Zahl der bewilligten Asylanträge analog zur steigenden Zahl der Schutzsuchenden gestiegen ist.

Die meisten von ihnen stammen aus:

Die Grafik zeigt, aus welchen Ländern die meisten Geflüchteten kommen. Syrien 32 %, Afghanistan 12 % und Irak 10 %.

Wie steht es heute um ihre Chancen?

Wir haben uns fünf Bereiche genauer angeschaut:

Das Bild zeigt die fünf untersuchten Bereiche: Arbeitsmarkt, Zufriedenheit, Wohnen, Grundsicherung und Sprache.

Arbeitsmarkt

Die Grafik zeigt eine Deutschlandkarte in deren Umrisse ein Foto zu sehen ist, auf dem ein Ausbilder einem Lehrling etwas erklärt.

Die Zahl der Beschäftigten aus den acht Hauptherkunftsstaaten steigt insgesamt seit Jahren kontinuierlich an.

Die Grafik zeigt einen deutlichen Anstieg der Beschäftigten aus Asylherkunftsländern.

Gleichzeitig lag die Arbeitslosenquote im April 2020 unter Schutzsuchenden bei 37,4 Prozent.

Portraitfoto von Petra Bendel.
Man muss sich auch anschauen, ob denn die Jobs, die die Flüchtlinge jetzt haben, langfristig auch wirklich existenzsichernd sind und ob sie tatsächlich auch ihren Qualifikationen entsprechen. Und da sehen wir anhand der bisher vorliegenden Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dass dies sehr häufig noch nicht der Fall ist.
Petra Bendel, Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration

Insgesamt ziehen Expertinnen und Experten aber eine positive Bilanz: Denn die Arbeitsmarktintegration der jüngst zugezogenen Schutzsuchenden verlaufe schneller als etwa bei denjenigen, die infolge der Balkankriege nach Deutschland kamen. Das liege zum einen daran, dass der Arbeitsmarkt stabiler ist als noch in den 1990er-Jahren. Zum anderen wurde aber auch mehr in Integrations- und Sprachkurse investiert.

Wichtig zu wissen:
Die Zahl der arbeitslosen Schutzsuchenden steigt auch, weil immer mehr von ihnen Integrationskurse abschließen und von diesem Zeitpunkt an nicht mehr als „arbeitssuchend“, sondern als „arbeitslos“ gelten: Erst dann gehen sie in die Arbeitslosenstatistik ein.

Verschärft wird die Situation auf dem Arbeitsmarkt durch die Corona-Pandemie.

Die Grafik zeigt, dass Menschen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern überproportional häufig arbeitslos sind.

Grundsicherung

Die Grafik zeigt eine Deutschlandkarte in deren Umrisse ein Foto eines Termins bei der Bundesagentur für Arbeit zu sehen ist.

Die Zahl der Schutzsuchenden, die auf Hartz IV angewiesen sind, erreichte mit fast 993.000 Menschen im Mai 2018 ihren Höhepunkt. Seither war der Trend trotz Schwankungen leicht rückläufig. Seit 2020 stiegen diese Zahlen aber wieder – auch wegen Corona.

Die Grafik verbildlicht den vorhergehenden Absatz.

Rund 18 Prozent aller Menschen in Deutschland, die im März 2020 auf Hartz IV angewiesen waren, waren Schutzsuchende. Zu den Leistungen zählen unter anderem:

  1. Der Hartz IV-Regelsatz, unter den auch das sogenannte „Taschengeld“ fällt
  2. Die Übernahme von Mietkosten
  3. Die Übernahme der laufenden Kosten für die Unterkunft

Spracherwerb

Die Grafik zeigt eine Deutschlandkarte in deren Umrisse ein Foto eines Notizblocks ist, in das eine Hand schreibt.

Obwohl die Deutschkenntnisse von Geflüchteten oft schwer einzuschätzen sind, gibt es doch einen Orientierungspunkt, an dem sich sprachlicher Erfolg messen lässt: ihr Sprachniveau am Ende der Deutschkurse.
Ziel der Kurse ist die Niveau-Stufe B1.

Auf dem Bild werden die Sprachniveaus A2 und B1 definiert.

Sprach-Expertinnen und -Experten, etwa vom Goethe-Institut, halten B1 als Ziel der Integrationskurse aber für zu hochgesteckt und erachten A2 für ausreichend. B1 schaffen seit 2015 immer weniger Zugewanderte.

Die Grafik zeigt, dass die Zahl der bestandenen Sprachtests von Zugewanderten rückläufig ist.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, unter anderem müssen immer mehr Teilnehmende unser lateinisches Schriftsystem neu erlernen. Dazu kommen viele Analphabetinnen und Analphabeten.

Wohnen

Die Grafik zeigt eine Deutschlandkarte in deren Umrisse ein Geflüchteter im Flur steht.

Fortschritte gab es beim Thema Wohnen. 2016 lebte nur knapp die Hälfte aller Geflüchteten in privaten Wohnungen oder Häusern. 2018 betrug der Anteil schon 75 Prozent.

Die Grafik zeigt, dass drei Viertel der Geflüchteten 2018 eine Privatwohnung hatten.

Dass Geflüchtete Flüchtlingseinrichtungen verlassen und in den Wohnungsmarkt integriert werden, ist wichtig für die allgemeine Integration und Selbstständigkeit.

Zufriedenheit

Die Grafik zeigt eine Deutschlandkarte mit einem Foto von zufriedenen Geflüchteten.

Von 2016 auf 2018 stieg die allgemeine Zufriedenheit von Geflüchteten.

Die allgemeine Lebenszufriedenheit von Geflüchteten steigt. 2018 lag sie bei 6,99 von 10.

Knapp drei Viertel der Geflüchteten gaben 2018 an, sich in Deutschland willkommen zu fühlen.

Und wie sieht die Stimmung in der deutschen Aufnahmegesellschaft aus?

Das Bild zeigt Menschenkette aus Geflüchteten und Deutschen.

Diese Frage beschäftigt das ZDF-Politbarometer seit 2015. Das Ergebnis: Nach fünf Jahren glauben zwei Drittel der Befragten, dass Deutschland genug Kapazitäten hat, um Geflüchtete aufzunehmen.

Die Grafik zeigt, dass die Deutschen mehrheitlich der Meinung sind, dass Deutschland die vielen Flüchtlinge verkraften kann.

Was haben wir geschafft?

Das Bild zeigt einen Geflüchteten mit einem Kind auf den Schultern in Aufbruchsstimmung.

Portraitfoto von Petra Bendel.
Wir haben ein ganz großes Stück geschafft, aber es sind auch noch sehr, sehr viele Anstrengungen notwendig. Denn nicht alle Indikatoren sind bislang zufriedenstellend. Und nun stehen wir auch noch in der Situation mit Corona und müssen aufpassen, dass die Errungenschaften der Integrationspolitik der letzten fünf Jahre nicht einen Rückwärtstrend abzeichnen.
Petra Bendel, Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration
Annette Widmann-Mauz
Städte und Gemeinden haben mit Herz und Haltung die Aufnahme vieler Menschen gemeistert, die dringend Hilfe brauchen. Und viele Flüchtlinge haben große Integrationsschritte gemacht - beim Deutschlernen, bei der Ausbildung, am Arbeitsmarkt. Das darf durch die Corona-Pandemie jetzt nicht riskiert werden.“
Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung | CDU

Dafür, ob wir es nach fünf Jahren wirklich geschafft haben, gibt es kein Maß. Schaut man sich aber verschiedene Indikatoren für Integration an, ergibt sich ein gemischtes Bild: So klappt die Integration der Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt immer besser, ihre Abhängigkeit von Hartz IV stagniert aber. Dafür leben immer mehr Geflüchtete in einer eigenen Wohnung.

Eine Grafik zeigt die verschiedenen Kategorien, nach denen bewertet wurde. Arbeitsmarkt verläuft mit Tendenz nach oben ebenso die Zufriedenheit. Das Wohnen steigt, die Grundsicherung bleibt unverändert und die Sprachkenntnisse nehmen ab.

Herausfordernd bleibt vor allem der Spracherwerb. Die Corona-Pandemie gefährdet hier zusätzlich bisher Erreichtes – ähnlich verhält es sich auf dem Arbeitsmarkt.

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Quellen:
Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge; Statistisches Bundesamt; Bundesagentur für Arbeit; Forschungsgruppe Wahlen e. V.; Sachverständigenrat für Integration und Migration; Mediendienst Integration

Fotos:
dpa / Bernd von Jutrczenka; dpa / Martin Schutt; dpa / Frederik von Erichsen; dpa / Julian Stratenschulte; dpa / Uwe Zucchi; dpa / Kay Nietfeld; dpa / Armin Weigel; dpa / Wolfgang Kumm; dpa / Nicolas Armer; ap / Matthias Schrader

Autorin:
Katja Belousova

Redaktion:
Jennifer Werner, Karsten Kaminski, Lucas Eiler

Im Auftrag des ZDF:

Redaktion:
Andreas Goebbel, Ella Böhm

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Jens Albrecht, Andres Watzal